WEBVTT - generated by Videoportal der Uni Paderborn

1
00:00:00.000 --> 00:00:09.666
<b>Musik spielt.</b>

2
00:00:10.541 --> 00:00:12.375
<b>In diesem Video wollen wir zeigen, </b>

3
00:00:12.375 --> 00:00:15.375
<b>wie man sich fiktionalen Erzähltexten annähert.
</b>

4
00:00:15.375 --> 00:00:17.791
<b>Dafür werden wir uns mit dem Aspekt der
Fiktionalität </b>

5
00:00:17.791 --> 00:00:21.208
<b>am Beispiel von Franz Kafkas Parabel </b>
<b>"Gibs auf!" beschäftigen. </b>

6
00:00:21.208 --> 00:00:24.625
<b>Musik spielt.</b>

7
00:00:25.416 --> 00:00:28.041
<b>Wir gehen in unserem Alltag ganz selbstverständlich</b>

8
00:00:28.041 --> 00:00:31.916
<b>mit fiktionalen Texten</b> <b> wie Romanen
oder Märchen um.</b>

9
00:00:32.000 --> 00:00:34.083
<b>Aber woher wissen wir eigentlich, </b>

10
00:00:34.083 --> 00:00:35.958
<b>dass es sich um Fiktionen handelt?</b>

11
00:00:35.958 --> 00:00:38.958
<b>Dafür ist der Gegenbegriff zu </b> <b>Fiktionalität
wichtig: </b>

12
00:00:39.041 --> 00:00:42.666
<b>Zumeist geht man davon aus, </b> <b>dies
sei Realität. </b>

13
00:00:42.750 --> 00:00:45.666
<b>Tatsächlich ist es aber Faktualität.</b>

14
00:00:45.666 --> 00:00:49.166
<b>Beide Begriffe sagen etwas über </b> <b>den
Anspruch der Texte aus, </b>

15
00:00:49.166 --> 00:00:51.791
<b>ob sie Realität abbilden wollen oder nicht.
</b>

16
00:00:51.791 --> 00:00:54.541
<b>Oftmals reichen Kontextinformationen aus,
</b>

17
00:00:54.541 --> 00:00:56.458
<b>um einen Text als Fiktion zu erkennen. </b>

18
00:00:56.458 --> 00:00:59.375
<b> Ein solcher Kontext ist der </b> <b>Literaturunterricht
in der Schule</b>

19
00:00:59.375 --> 00:01:01.000
<b>oder das literaturwissenschaftliche Studium.</b>

20
00:01:01.000 --> 00:01:04.000
<b>Hier wird ganz selbstverständlich </b>
<b>davon ausgegangen, </b>

21
00:01:04.000 --> 00:01:06.000
<b>dass alle Texte, die behandelt werden, </b>

22
00:01:06.000 --> 00:01:07.000
<b>fiktional sind. </b>

23
00:01:07.000 --> 00:01:09.000
<b>Manchmal gerät dadurch die Unterscheidung
</b>

24
00:01:09.000 --> 00:01:12.000
<b>zwischen fiktionalen und faktualen </b>
<b>Texten in den Hintergrund -</b>

25
00:01:12.000 --> 00:01:15.000
<b>eine Unterscheidung, die aber wichtig ist,
</b>

26
00:01:15.000 --> 00:01:17.000
<b>wie wir hier zeigen wollen. </b>

27
00:01:17.000 --> 00:01:19.000
<b>Neben dem Kontext sind es die Texte selbst,
</b>

28
00:01:19.000 --> 00:01:23.000
<b>die uns oft Hinweise auf ihren </b> <b>fiktionalen
Charakter geben. </b>

29
00:01:23.000 --> 00:01:25.000
<b>So ist bereits auf dem Cover </b> <b>eines
Buches, </b>

30
00:01:25.000 --> 00:01:28.000
<b>dem Klappentext oder auf den </b> <b>ersten
Seiten vermerkt, </b>

31
00:01:28.000 --> 00:01:30.000
<b>ob es sich um einen „Roman“, </b>

32
00:01:30.000 --> 00:01:33.000
<b>eine „Erzählung“ oder eine „Novelle“
handelt.</b>

33
00:01:33.000 --> 00:01:35.000
<b>Oft ist es auch so, </b>

34
00:01:35.000 --> 00:01:36.000
<b>dass wir die Autor*innen schon kennen </b>

35
00:01:36.000 --> 00:01:39.000
<b>und einen fiktionalen Text </b> <b>von ihnen
erwarten. </b>

36
00:01:39.000 --> 00:01:43.000
<b>Was aber, wenn wir all diese</b> <b>Informationen
nicht haben?</b>

37
00:01:43.000 --> 00:01:47.000
<b>Dann spielen Fiktionssignale </b> <b>eine
wichtige Rolle. </b>

38
00:01:48.000 --> 00:01:51.000
<b>Das können gattungsspezifische </b> <b>Signale
sein</b>

39
00:01:51.000 --> 00:01:54.000
<b>wie der berühmte Märcheneinstieg:</b>
<b> „Es war einmal…“ </b>

40
00:01:54.000 --> 00:01:58.000
<b>oder die Zeitgestaltung im sogenannten</b>
<b> epischen Präteritum. </b>

41
00:01:58.000 --> 00:02:01.000
<b>Diesen Begriff führte Käte Hamburger ein,
</b>

42
00:02:01.000 --> 00:02:05.000
<b>um damit paradoxe Wendungen</b> <b> der
Erzähllogik zu fassen. </b>

43
00:02:05.000 --> 00:02:07.000
<b>Ein Beispiel für das epische Präteritum</b>
<b> ist der Satz: </b>

44
00:02:07.000 --> 00:02:10.000
<b>„Morgen war Weihnachten.“ </b>

45
00:02:10.000 --> 00:02:14.000
<b>Hier verliert das Präteritum </b> <b>die
grammatikalische Funktion, </b>

46
00:02:14.000 --> 00:02:17.000
<b>die Vergangenheit anzuzeigen. </b>

47
00:02:17.000 --> 00:02:21.000
<b>Vielmehr verweist es auf den</b> <b> Gestus
des Erzählens an sich. </b>

48
00:02:21.000 --> 00:02:25.000
<b>Demgegenüber nutzen Zeitungsartikel </b>
<b>und andere faktuale Texte </b>

49
00:02:25.000 --> 00:02:28.000
<b>oft das Plusquamperfekt - also die abgeschlossene
Vergangenheit -</b>

50
00:02:28.000 --> 00:02:33.000
<b>um zu markieren, dass sie sich auf </b>
<b>vergangene Ereignisse beziehen. </b>

51
00:02:33.000 --> 00:02:36.000
<b>Grundsätzlich gilt für unser </b> <b>heutiges
Fiktionsverständnis: </b>

52
00:02:36.000 --> 00:02:40.000
<b>Der Anspruch des Werkes ist entscheidend.
</b>

53
00:02:40.000 --> 00:02:42.000
<b>Ein faktualer Text beansprucht, </b>

54
00:02:42.000 --> 00:02:44.000
<b>reale Ereignisse wiederzugeben, </b>

55
00:02:44.000 --> 00:02:48.000
<b>ein fiktionaler Text erhebt </b> <b>keinerlei
Anspruch darauf, </b>

56
00:02:48.000 --> 00:02:50.000
<b>dass die Ereignisse, die er schildert, </b>

57
00:02:50.000 --> 00:02:53.000
<b>auch in der Realität stattgefunden haben.
</b>

58
00:02:53.000 --> 00:02:56.000
<b>Daher kann ein faktualer Text falsch sein
</b>

59
00:02:56.000 --> 00:02:59.000
<b>oder gar Lügen verbreiten, </b> <b>ein
fiktionaler nicht. </b>

60
00:02:59.000 --> 00:03:03.000
<b>Aber ist das so grundsätzlich richtig?
</b>

61
00:03:03.000 --> 00:03:06.000
<b>Wie verhält es sich etwa </b> <b>mit einem
historischen Roman </b>

62
00:03:06.000 --> 00:03:09.000
<b>oder einem autobiografischen Roman? </b>

63
00:03:09.000 --> 00:03:14.000
<b>In jedem Fall müssen wir Fiktion</b> <b>
als graduelles Phänomen verstehen. </b>

64
00:03:14.000 --> 00:03:19.000
<b>Hier sehen wir, dass es Gattungen mit </b>
<b>einem hohen Grad an Fiktionalität gibt,
</b>

65
00:03:19.000 --> 00:03:22.000
<b>wie das Märchen, </b> <b>und wiederum andere
Gattungen </b>

66
00:03:22.000 --> 00:03:26.000
<b>mit einem teilweise faktualen Gehalt,</b>
<b>wie den historischen Roman.</b>

67
00:03:26.000 --> 00:03:29.000
<b>Schauen wir uns nun Kafkas</b> <b> Parabel
"Gibs auf!" an, </b>

68
00:03:29.000 --> 00:03:34.000
<b>um an einem konkreten Beispiel </b> <b>Fiktionssignale
zu identifizieren. </b>

69
00:03:34.000 --> 00:03:36.000
<b>Zunächst einmal ist festzuhalten,  </b>

70
00:03:36.000 --> 00:03:39.000
<b>dass hier das epische Präteritum vorliegt.</b>

71
00:03:39.000 --> 00:03:41.000
<b>Gleich zu Beginn heißt es nämlich: </b>

72
00:03:41.000 --> 00:03:43.000
<b>"Es war sehr früh am Morgen."</b>

73
00:03:43.000 --> 00:03:45.000
<b>Wir erfahren nicht, um welchen Tag, </b>

74
00:03:45.000 --> 00:03:47.000
<b>um welche Jahreszeit, </b>

75
00:03:47.000 --> 00:03:48.000
<b>ja nicht einmal, </b>

76
00:03:48.000 --> 00:03:50.000
<b>um welche geschichtliche Epoche </b> <b>es
sich handelt. </b>

77
00:03:51.000 --> 00:03:52.000
<b>Diese Art der Darstellung, </b>

78
00:03:52.000 --> 00:03:54.000
<b>in der genaue Referenzen fehlen, </b>

79
00:03:54.000 --> 00:03:56.000
<b>gilt für den gesamten Text </b>

80
00:03:56.000 --> 00:04:02.000
<b>und weist auf das zweite Fiktionssignal:
</b> <b>den hohen Abstraktionsgrad. </b>

81
00:04:02.000 --> 00:04:04.000
<b>Kein einziger Name wird genannt, </b>

82
00:04:04.000 --> 00:04:07.000
<b>keine räumliche Orientierung</b> <b> in
der fremden Stadt geboten. </b>

83
00:04:07.000 --> 00:04:11.000
<b>Es werden uns lediglich</b> <b>flüchtige
Informationen geliefert: </b>

84
00:04:11.000 --> 00:04:18.000
<b>die Straßen / zum Bahnhof / eine Turmuhr
/ im Weg / in dieser Stadt / ein Schutzmann
/ dem Weg </b>

85
00:04:18.000 --> 00:04:21.000
<b>Selbst ein so auffälliges Gebäude</b>
<b> wie der Turm </b>

86
00:04:21.000 --> 00:04:24.000
<b>ist im Text nur nebenbei </b>

87
00:04:24.000 --> 00:04:28.000
<b>aus der unspezifischen Angabe </b> <b>„eine
Turmuhr“ zu erschließen. </b>

88
00:04:28.000 --> 00:04:31.000
<b>Wir wissen nicht einmal,</b> <b> ob es ein
Kirch- oder Rathausturm ist. </b>

89
00:04:31.000 --> 00:04:36.000
<b>Dabei dienen Türme und hohe Gebäude </b>
<b>doch gerade zur Orientierung! </b>

90
00:04:37.000 --> 00:04:41.000
<b>In Kafkas Parabel werden all</b> <b> die
Informationen verschwiegen, </b>

91
00:04:41.000 --> 00:04:44.000
<b>die etwa für Zeitungsartikel </b> <b>besonders
wichtig sind. </b>

92
00:04:44.000 --> 00:04:49.000
<b>Solche Informationen verweisen auf den </b>
<b>faktualen Anspruch des jeweiligen Artikels
</b>

93
00:04:49.000 --> 00:04:52.000
<b>und ermöglichen es, </b> <b>das Berichtete
zu überprüfen.</b>

94
00:04:53.000 --> 00:04:55.000
<b>Insofern könnte man sagen, </b>

95
00:04:55.000 --> 00:05:00.000
<b>dass ihr Fehlen ein zusätzliches Signal
für </b> <b>die Fiktionalität der Kafka-Parabel
darstellt. </b>

96
00:05:01.000 --> 00:05:05.000
<b>Ferner fällt der unübliche </b> <b>Sprachgebrauch
auf, </b>

97
00:05:05.000 --> 00:05:08.000
<b>den wir ohne weiteres als</b> <b> poetisch
bezeichnen können. </b>

98
00:05:08.000 --> 00:05:11.000
<b>Das meint neben klassischen </b> <b>Tropen
der Rhetorik, </b>

99
00:05:11.000 --> 00:05:15.000
<b>wie der Metapher, besonders die </b> <b>Vieldeutigkeit
literarischer Aussagen.</b>

100
00:05:15.000 --> 00:05:19.000
<b>Warum etwa sind die Straßen rein und leer?
</b>

101
00:05:19.000 --> 00:05:22.000
<b>Leere Straßen lassen sich noch</b> <b>
gut vorstellen, </b>

102
00:05:22.000 --> 00:05:24.000
<b>aber Reinheit ist kein Attribut, </b>

103
00:05:24.000 --> 00:05:27.000
<b>das wir einer Straße normalerweise</b>
<b> zuordnen würden. </b>

104
00:05:27.000 --> 00:05:30.000
<b>Stärker als das Synonym</b> <b> „sauber“
hat „rein“</b>

105
00:05:30.000 --> 00:05:33.000
<b>auch moralische und religiöse </b> <b>Nebenbedeutungen.
</b>

106
00:05:33.000 --> 00:05:36.000
<b>Ähnlich rätselhaft bleibt der </b> <b>Vergleich
zum Schluss. </b>

107
00:05:36.000 --> 00:05:39.000
<b> Denn wie wenden sich Menschen ab, </b>

108
00:05:39.000 --> 00:05:41.000
<b>die mit ihrem Lachen allein sein wollen?
</b>

109
00:05:41.000 --> 00:05:45.000
<b>Lachen schafft unter Fremden </b> <b>oft
eine erste Vertrautheit. </b>

110
00:05:45.000 --> 00:05:48.000
<b>Hier wird das ins Gegenteil verkehrt. </b>

111
00:05:48.000 --> 00:05:51.000
<b>Das Lachen des Schutzmanns</b> <b> erzeugt
Distanz, </b>

112
00:05:51.000 --> 00:05:54.000
<b> ja Isolierung und </b> <b>verstärkt die
Fremdheit.</b>

113
00:05:54.000 --> 00:05:56.000
<b>Wenn wir genau auf den Satz achten, </b>

114
00:05:56.000 --> 00:05:59.000
<b>ist es nicht einmal sicher, </b> <b>ob der
Schutzmann überhaupt lacht. </b>

115
00:05:59.000 --> 00:06:03.000
<b>Eigentlich erfahren wir nur, dass er sich
</b> <b>mit einem großen Schwung abwendet</b>

116
00:06:03.000 --> 00:06:07.000
<b>so wie [!] Leute, </b> <b>die mit ihrem
Lachen allein sein wollen.  </b>

117
00:06:07.000 --> 00:06:10.000
<b>Ob er tatsächlich lacht, </b> <b>wird also
gar nicht klar. </b>

118
00:06:10.000 --> 00:06:15.000
<b>Als ein weiteres Fiktionalitätssignal lässt</b>
<b>sich die wörtliche Rede hervorheben. </b>

119
00:06:15.000 --> 00:06:17.000
<b>Im sogenannten dramatischen Modus </b>

120
00:06:17.000 --> 00:06:19.000
<b>hat die Erzählinstanz die Möglichkeit,
</b>

121
00:06:19.000 --> 00:06:22.000
<b>das Geschehen ganz </b> <b>unmittelbar darzustellen.
</b>

122
00:06:22.000 --> 00:06:25.000
<b>Die wörtliche Rede erleichtert die Immersion
</b>

123
00:06:25.000 --> 00:06:27.000
<b>in die fiktionale Geschichte - </b>

124
00:06:27.000 --> 00:06:29.000
<b>so, als wären wir live dabei. </b>

125
00:06:29.000 --> 00:06:34.000
<b>In Texten mit faktualem Anspruch wird </b>
<b>wörtliche Rede sehr sparsam eingesetzt
</b>

126
00:06:34.000 --> 00:06:37.000
<b>und erhöht hier die </b> <b>Beweiskraft
der Aussagen. </b>

127
00:06:37.000 --> 00:06:40.000
<b>Bei Kafkas Parabel</b> <b> verhält sich
dies ganz anders.</b>

128
00:06:40.000 --> 00:06:45.000
<b>Nach derartigen Überlegungen</b> <b>können
wir recht sicher bestimmen, </b>

129
00:06:45.000 --> 00:06:47.000
<b>ob wir einen fiktionalen Text </b> <b>vorliegen
haben. </b>

130
00:06:48.000 --> 00:06:51.000
<b>Dadurch ändert sich der</b> <b> Status
des Textes </b>

131
00:06:51.000 --> 00:06:54.000
<b>und dementsprechend</b> <b> auch unsere
Lektürestrategie. </b>

132
00:06:55.000 --> 00:06:58.000
<b> Denn während wir einem Text</b>

133
00:06:58.000 --> 00:06:59.000
<b>mit faktualem Anspruch in der Regel </b>

134
00:06:59.000 --> 00:07:02.000
<b>konkrete Informationen</b> <b> entnehmen
wollen, </b>

135
00:07:02.000 --> 00:07:06.000
<b>wissen wir, dass sich die </b> <b>Kommunikation
in literarischen Texten</b>

136
00:07:06.000 --> 00:07:08.000
<b>wesentlich komplexer gestaltet. </b>

137
00:07:08.000 --> 00:07:11.000
<b>Der faktuale Text präsentiert </b> <b>uns
Informationen, </b>

138
00:07:11.000 --> 00:07:14.000
<b>die möglichst deutlich</b> <b> vermittelt
werden sollen; </b>

139
00:07:14.000 --> 00:07:15.000
<b>der fiktionale Text hingegen </b>

140
00:07:15.000 --> 00:07:18.000
<b>präsentiert eine fiktive Wirklichkeit,
</b>

141
00:07:18.000 --> 00:07:20.000
<b>die in ihrer Vieldeutigkeit vage bleibt
</b>

142
00:07:20.000 --> 00:07:25.000
<b>und zu der wir uns </b> <b>verstehende Zugänge
erarbeiten müssen. </b>

143
00:07:26.000 --> 00:07:27.000
<b>In der Tat </b>

144
00:07:27.000 --> 00:07:29.000
<b>ist es eine Besonderheit</b> <b> literarischer
Texte, </b>

145
00:07:29.000 --> 00:07:31.000
<b>dass sie auf eindeutige Aussagen verzichten
</b>

146
00:07:31.000 --> 00:07:36.000
<b>und so die Vielschichtigkeit unserer</b>
<b> Erfahrungswirklichkeit widerspiegeln. </b>

147
00:07:37.000 --> 00:07:41.000
<b>Abschließend seien die sogenannten</b>
<b>Unbestimmtheitsstellen angesprochen. </b>

148
00:07:42.000 --> 00:07:44.000
<b>Dieser durch Ingarden geprägte</b>

149
00:07:44.000 --> 00:07:47.000
<b>und von Wolfgang Iser </b> <b>weiterentwickelte
Begriff</b>

150
00:07:47.000 --> 00:07:51.000
<b>verweist darauf, dass ein Text</b> <b> niemals
alle Details liefert, </b>

151
00:07:51.000 --> 00:07:55.000
<b>die wir benötigen, um uns eine </b> <b>Szene
detailreich vorzustellen. </b>

152
00:07:55.000 --> 00:07:57.000
<b>Während wir auch bei faktualen Texten </b>

153
00:07:57.000 --> 00:08:00.000
<b>durchaus von </b> <b>Unbestimmtheitsstellen
sprechen können, </b>

154
00:08:00.000 --> 00:08:03.000
<b>spielen sie in der Literatur</b> <b> eine
besondere Rolle, </b>

155
00:08:03.000 --> 00:08:06.000
<b>da sie oft bewusst im Text angelegt sind.
</b>

156
00:08:06.000 --> 00:08:08.000
<b>Es wurde schon darauf hingewiesen, </b>

157
00:08:08.000 --> 00:08:11.000
<b>dass der Text sehr</b> <b> distanziert gestaltet
ist. </b>

158
00:08:11.000 --> 00:08:14.000
<b>Die Bezeichnung „Eine Turmuhr“ </b>

159
00:08:14.000 --> 00:08:17.000
<b>ist ein gutes Beispiel </b> <b>für die
Unbestimmtheitsstellen.</b>

160
00:08:17.000 --> 00:08:19.000
<b>Zeigt schon der unbestimmte Artikel an,
</b>

161
00:08:19.000 --> 00:08:23.000
<b>dass Turm und Uhr unbekannt </b> <b>und
geradezu beliebig sind, </b>

162
00:08:23.000 --> 00:08:25.000
<b>erfahren wir sonst, wie bereits erwähnt,
</b>

163
00:08:25.000 --> 00:08:27.000
<b>nichts über das Objekt. </b>

164
00:08:28.000 --> 00:08:30.000
<b>Ebenso verhält es sich </b> <b>mit den
anderen Substantiven. </b>

165
00:08:30.000 --> 00:08:36.000
<b>Der Bahnhof, die Stadt, der Schutzmann –</b>
<b> alle bleiben unbestimmt. </b>

166
00:08:36.000 --> 00:08:38.000
<b>Gleiches gilt für die Aussage</b> <b> des
Schutzmanns, </b>

167
00:08:38.000 --> 00:08:42.000
<b>die wir mit den vorliegenden </b> <b>Informationen
kaum deuten können. </b>

168
00:08:43.000 --> 00:08:46.000
<b> Eine Interpretation scheint somit nur noch
</b>

169
00:08:46.000 --> 00:08:49.000
<b>im Zusammenhang der </b> <b>symbolischen
Dichte des Textes möglich: </b>

170
00:08:49.000 --> 00:08:53.000
<b>– doch dazu mehr in einem anderen Video.</b>

171
00:08:53.000 --> 00:08:57.000
<b>Eine klare Aussage, das ist nun</b> <b>
sicherlich deutlich geworden, </b>

172
00:08:57.000 --> 00:09:00.000
<b>kann einem fiktionalen Text in der Regel</b>
<b> nicht entnommen werden. </b>

173
00:09:00.000 --> 00:09:04.000
<b>Wenn wir literarische Texte </b> <b>‒
und besonders die Texte Kafkas ‒ </b>

174
00:09:04.000 --> 00:09:06.000
<b>oft rätselhaft finden, liegt das an der
</b>

175
00:09:06.000 --> 00:09:10.000
<b>Interpretationsbedürftigkeit </b> <b>künstlerischer
Äußerungen.</b>

176
00:09:11.000 --> 00:09:12.000
<b>Durch jede Interpretation</b>

177
00:09:12.000 --> 00:09:17.000
<b>wird die Vieldeutigkeit eines literarischen</b>
<b> Textes zwangsläufig reduziert</b>

178
00:09:18.000 --> 00:09:21.000
<b>Ziel literarischer Textbegegnung ist also,
</b>

179
00:09:21.000 --> 00:09:24.000
<b>Texte zu entschlüsseln, ohne zu versuchen,
</b>

180
00:09:24.000 --> 00:09:27.000
<b>die richtige Textbedeutung zu finden. </b>

181
00:09:28.000 --> 00:09:30.000
<b>Fiktionsmerkmale </b>

182
00:09:30.000 --> 00:09:33.000
<b>können für diese Art des vieldeutigen
</b> <b>Textverstehens einen guten Zugang darstellen.</b>

183
00:09:36.000 --> 00:09:39.000
<b>Musik spielt.</b>

