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Guten Tag, liebe Interessierte, Im Rahmen meiner
kleinen Reihe

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00:00:15.416 --> 00:00:19.875
über interkulturelle Gegenwartsliteratur möchte
ich Ihnen heute den Roman

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00:00:20.583 --> 00:00:24.708
Der Weltensammler von Ilija Trojanow vorstellen.

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00:00:24.875 --> 00:00:29.416
Neben Uwe Timms Roman Morenga handelt es sich
sicherlich

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00:00:29.458 --> 00:00:34.625
um den am meisten beachteten postkolonialen
Roman deutscher Sprache.

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Ilija Trojanow

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00:00:37.500 --> 00:00:44.000
wurde 1965 in Bulgarien geboren, und er hat
eine sehr bewegte Biographie.

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Er lebte unter anderem in Kenia, Indien und
Südafrika.

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Und 2006 legte er mit dem Roman Der Weltensammler
einen fiktiven Text

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00:00:54.916 --> 00:01:00.000
vor über den britischen Kolonialabenteurer

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Richard Burton, der zwischen 1821 und 1890
lebte.

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Und der Roman verfolgt also drei Lebensstationen

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dieses Kolonialabenteurers, wie man sagen kann,
also zunächst

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in Indien, dann in der arabischen Welt und
dann in Ostafrika.

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00:01:23.000 --> 00:01:25.000
Und Ilija Trojanow

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00:01:25.000 --> 00:01:30.000
hat eine interessante und gleichzeitig umstrittene
Perspektive gewählt.

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00:01:31.000 --> 00:01:35.000
Er schreibt postkoloniale Literatur zunächst
mal

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ähnlich wie bei Uwe Timm aus der Perspektive
des

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Kolonialherren.

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00:01:42.000 --> 00:01:47.000
Also die Vokalisierung geht sehr stark über
die Figur Richard Burton.

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Aber im Gegensatz zu Uwe Timm

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versucht Trojanow auch, die Stimmen der Kolonialisierten
zu Wort kommen zu lassen.

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00:01:58.000 --> 00:02:01.000
Der Roman ist also polyfon.

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Das heißt also

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Trojanow organisiert fiktive Stimmen

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00:02:08.000 --> 00:02:12.000
von Menschen, mit denen Burton in Kontakt gekommen
ist.

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Und also beginnend mit der Station in Indien,

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sehen wir Richard Burton als einen außergewöhnlichen

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Kolonialherren, der also nicht daran interessiert

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ist, im Club zu sitzen und Tee zu trinken wie
seine Kameraden,

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sondern der herausgeht in die bunte Welt Indiens.

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Und nicht nur das, sondern er nimmt sich einen
indischen Lehrer.

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00:02:37.000 --> 00:02:43.000
Er lernt die Sprache, er verkleidet sich also,
er begeht in einem umgekehrten Sinne

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wie das Homi Bhabha beschreibt Mimikry eigentlich
an die einheimische Kultur

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und die Inder selber wundern sich zum Teil
über seine Aktivitäten.

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Und es stellt sich aber natürlich heraus,
dass trotz aller Bemühungen

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eine wirkliche Identifikation mit den Einheimischen
nicht möglich ist.

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Dies zeigt sich besonders

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in einer intimen Beziehung, die Burton zu einer
ehemaligen

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Tempeltänzerin unterhält. Und als sie dann

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schwer krank ist und ihn bittet, sie zu heiraten,

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da schreckt er doch vor dieser Annäherung
zurück.

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Das heißt also, der Roman zeigt also einen
vergleichsweise

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guten Kolonialmenschen,

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der sich also mit aller Macht bemüht, eigentlich
sich an die Kultur

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der Einheimischen anzunähern, der aber letztlich
doch durch die koloniale

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00:03:42.000 --> 00:03:47.000
Herrschaftssituation in einer unüberbrückbaren
Distanz verbleibt.

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Trojanows Roman ist in gewisser Weise umstritten,

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weil er nämlich den Anspruch erhebt, auch
für die

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Subalternen zu sprechen, wie das die Theoretikerin
Gayatri Spivak ausdrückt.

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Er versucht sozusagen, die Perspektive der
Kolonialisierten zu imaginieren.

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00:04:05.000 --> 00:04:11.000
Und das natürlich kann auch als eine koloniale
Anmaßung verstanden werden.

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00:04:11.000 --> 00:04:13.000
Während Trojanow selber argumentiert hat,

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er hat tatsächlich in einer ungeheuren Anstrengung
die Lebensstationen

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Burtons, also reproduziert in seinem eigenen
Leben.

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00:04:23.000 --> 00:04:24.000
Er ist überall dort hingezogen,

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00:04:24.000 --> 00:04:29.000
auch für längere Zeit, und ist also ein großer
Kenner dieser Kulturen.

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Trotzdem bleibt das Vorgehen Trojanows umstritten.

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Auf der anderen Seite ist es aber ein sehr
lebendiger und interessanter Roman.

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Die zweite Station ist also die arabische Welt
und Burton, also die

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dort dargestellten Stationen, entsprechen weitgehend
den historischen Fakten.

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Burton unternimmt

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also sozusagen verbotenerweise als Nicht-Moslem
eine Hadsch nach Mekka,

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00:04:57.000 --> 00:05:02.000
und er wird beobachtet von den Behörden, also
der

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heiligen Stätten usw.

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Und hier ist also die Darstellung einerseits
aus der Perspektive Burtons,

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00:05:10.000 --> 00:05:15.000
der auch eine intensive Erfahrung macht, andererseits
aus der Perspektive

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00:05:15.000 --> 00:05:20.000
der Einheimischen, die auch feststellen, dass
er gleichzeitig auch seine Mimikry

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für eine Spionagetätigkeit nutzt.

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00:05:24.000 --> 00:05:29.000
Und bei der dritten Station Ostafrika, da sehen
wir Burton sehr stark

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als klassischen Kolonialherren auf der Suche
nach den Quellen des Nils.

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Und hier gibt es eine interessante Perspektive,
nämlich

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Trojanow nutzt also eine historisch belegte
Person namens Sidi Mubarak Bombay,

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00:05:47.000 --> 00:05:52.000
die also Burton dem historischen Burton und
anderen Kolonialherren

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00:05:52.000 --> 00:05:56.000
und sogenannten Entdeckern als Führer gedient
hat.

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Und er nutzt die also, also sozusagen, um das
Gegennarrativ zu Burtons

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kolonialen Entdeckerfantasien darzustellen.

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Der Roman wird beworben in den Klappentexten
als Abenteuerroman.

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00:06:11.000 --> 00:06:14.000
Also hier zeigt sich eine gewisse Ambivalenz.

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00:06:14.000 --> 00:06:19.000
Einerseits erscheint Burton als eine faszinierende
Figur,

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00:06:19.000 --> 00:06:21.000
mit der sich die Leserinnen

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00:06:21.000 --> 00:06:22.000
und Leser, gerade

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00:06:22.000 --> 00:06:26.000
die Leserinnen und Leser aus Europa, aus Deutschland
identifizieren können.

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00:06:26.000 --> 00:06:32.000
Andererseits wird sehr wohl deutlich gemacht,
dass auch Burton als jemand, der,

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der sich sehr stark an die Kulturen Indiens,
Arabiens und Ostafrikas

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00:06:41.000 --> 00:06:46.000
angleicht, trotzdem also in der kolonialen
Distanz verharrt.

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00:06:46.000 --> 00:06:52.000
Der Roman wurde aber ein großer Erfolg und
er ist postkolonial und deutschsprachig,

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00:06:54.000 --> 00:06:58.000
hat allerdings natürlich mit dem britischen
Kolonialismus zu tun.

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00:06:58.000 --> 00:07:05.000
Aber die Perspektiven des Romans können kritisch
betrachtet werden.

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00:07:05.000 --> 00:07:09.000
Aber diese kritische Reflexion kann zu einer
sinnvollen

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00:07:10.000 --> 00:07:15.000
Diskussion auch über unser Verhältnis zum
Kolonialismus führen.

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00:07:16.000 --> 00:07:20.000
Und der Roman ist also ein interessantes literarisches
Zeugnis

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00:07:20.000 --> 00:07:24.000
einer Bemühung um eine postkoloniale Literatur
in

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00:07:24.000 --> 00:07:33.000
deutscher Sprache.

