WEBVTT - generated by Videoportal der Uni Paderborn

1
00:00:00.708 --> 00:00:03.000
Musik spielt

2
00:00:09.916 --> 00:00:11.791
In diesem Video konzentrieren wir uns

3
00:00:11.791 --> 00:00:14.583
auf die sprachliche Ebene der  Parabel „Gib’s
auf“.

4
00:00:14.583 --> 00:00:17.583
Musik spielt.

5
00:00:19.833 --> 00:00:22.833
Genauer gesagt fragen wir  nach dem Zusammenhang,

6
00:00:22.833 --> 00:00:27.916
den die sprachliche Form  zum Inhalt der Parabel
aufweist.

7
00:00:28.166 --> 00:00:31.166
Hierzu wollen wir zunächst  einen Schritt
zurückgehen

8
00:00:31.166 --> 00:00:35.416
und uns Gedanken über die  Kommunikationssituation
von Texten machen.

9
00:00:35.416 --> 00:00:37.458
Wenn eine Person liest,

10
00:00:37.458 --> 00:00:42.041
nimmt sie beim Lesen nebenbei  ihre unmittelbare
Umgebung wahr;

11
00:00:42.041 --> 00:00:44.458
zum Beispiel den Raum,  in dem sie sitzt,

12
00:00:44.458 --> 00:00:46.708
das Buch,  das sie in der Hand hält,

13
00:00:46.708 --> 00:00:49.041
den Geruch des Essens  aus der Küche,

14
00:00:49.041 --> 00:00:52.541
vielleicht hört man im Hintergrund die Waschmaschine.
(Geräusche einer Waschmaschine im Hintergrund.)

15
00:00:52.708 --> 00:00:57.416
Der Sender oder die Senderin des Textes  ist
dabei weder am gleichen Ort,

16
00:00:57.416 --> 00:01:02.000
noch hat er oder sie den Text  zur gleichen
Zeit geschrieben,

17
00:01:02.000 --> 00:01:04.000
in der er gelesen wird.

18
00:01:04.000 --> 00:01:08.000
In der Linguistik spricht man bei  der schriftlichen
Kommunikation

19
00:01:08.000 --> 00:01:10.000
daher von einer „zerdehnten Kommunikation“,

20
00:01:10.000 --> 00:01:14.000
weil die schreibende und  die lesende Person
räumlich

21
00:01:14.000 --> 00:01:17.000
und zeitlich voneinander getrennt sind.

22
00:01:17.000 --> 00:01:19.000
Für Schreibende bedeutet dies,

23
00:01:19.000 --> 00:01:23.000
dass sie den situativen Kontext für  die Geschichte
erst herstellen müssen –

24
00:01:24.000 --> 00:01:28.000
und sie tun dies, indem sie eine bestimmte
Sprache verwenden.

25
00:01:28.000 --> 00:01:31.000
In literarischen Texten wie  unserer Beispielparabel

26
00:01:31.000 --> 00:01:34.000
von Kafka ist es die Aufgabe des Autors,

27
00:01:34.000 --> 00:01:38.000
einen fiktiven Wahrnehmungsraum zu erschaffen
und

28
00:01:38.000 --> 00:01:41.000
dem Leser oder der Leserin  Orientierung zu
geben:

29
00:01:41.000 --> 00:01:44.000
- Wo und wann findet das Erzählte statt?

30
00:01:44.000 --> 00:01:47.000
- Wie sieht die Umgebung aus?

31
00:01:47.000 --> 00:01:48.000
- Wer ist an der Handlung beteiligt?

32
00:01:48.000 --> 00:01:51.000
Es stellt sich also direkt zu Beginn eines
Textes

33
00:01:51.000 --> 00:01:54.000
für Autor:innen eine kommunikative Aufgabe:

34
00:01:55.000 --> 00:01:58.000
Wie kann ich den Text sprachlich so formulieren,

35
00:01:58.000 --> 00:02:02.000
dass die Leserinnen und Leser in die Erzählsituation

36
00:02:02.000 --> 00:02:06.000
mitgenommen werden,  in der meine Geschichte
spielen soll?

37
00:02:06.000 --> 00:02:09.000
Eine ganz wichtige sprachliche Strategie ist
dabei

38
00:02:09.000 --> 00:02:13.000
der Einsatz von sogenannten  deiktischen Verweismitteln.

39
00:02:13.000 --> 00:02:17.000
Das Konzept der Deixis soll im  Folgenden kurz
vorgestellt werden.

40
00:02:17.000 --> 00:02:22.000
Von Deixis (aus dem Altgriechischen ‚ich
zeige‘)  spricht man,

41
00:02:22.000 --> 00:02:25.000
wenn man beim Kommunizieren auf Personen,

42
00:02:25.000 --> 00:02:28.000
Gegenstände, Orte und Zeiten  Bezug nimmt

43
00:02:28.000 --> 00:02:33.000
und dabei von sich selbst als Bezugspunkt ausgeht.

44
00:02:33.000 --> 00:02:34.000
Wir tun das alle jeden Tag,

45
00:02:34.000 --> 00:02:37.000
und zwar vor allem in der  gesprochenen Sprache.

46
00:02:37.000 --> 00:02:41.000
Wenn ein Sprecher oder eine Sprecherin  zu
einer Person sagt:

47
00:02:41.000 --> 00:02:44.000
„Ich kann jetzt nicht hier bleiben“,

48
00:02:44.000 --> 00:02:48.000
dann legt der Sprecher oder  die Sprecherin
mit "Ich",

49
00:02:48.000 --> 00:02:52.000
"jetzt" und "hier" das  deiktische Zentrum
fest,

50
00:02:52.000 --> 00:02:56.000
die sogenannte Origo  (also den „Ursprung“).

51
00:02:56.000 --> 00:03:00.000
Dadurch, dass sich beide in der gleichen  Äußerungssituation
befinden,

52
00:03:00.000 --> 00:03:05.000
weiß der Hörer oder die Hörerin,  dass mit
"ich" die sprechende Person,

53
00:03:05.000 --> 00:03:08.000
mit "jetzt" der unmittelbare Zeitpunkt

54
00:03:08.000 --> 00:03:12.000
mit hier genau der Ort gemeint sind,

55
00:03:12.000 --> 00:03:14.000
an dem sich beide gerade befinden.

56
00:03:14.000 --> 00:03:17.000
Wir können uns das auch am  Beispiel der Lokaldeixis,

57
00:03:17.000 --> 00:03:22.000
also der räumlichen Dimension  der Sprechsituation
ganz einfach klar machen:

58
00:03:22.000 --> 00:03:25.000
Wenn ich sage: „Links neben mir steht ein
Klavier“,

59
00:03:25.000 --> 00:03:27.000
dann meine ich die Richtung,

60
00:03:27.000 --> 00:03:31.000
die sich beim Aussprechen des Satzes ausgehend

61
00:03:31.000 --> 00:03:33.000
von meinem deiktischen Zentrum ergibt.

62
00:03:33.000 --> 00:03:35.000
Drehe ich mich um und sage:

63
00:03:35.000 --> 00:03:38.000
„Links neben mir steht ein Klavier,“

64
00:03:38.000 --> 00:03:43.000
dann meine ich mit "links neben mir" genau
das Gegenteil.

65
00:03:43.000 --> 00:03:46.000
Ich als Sprecher erfasse meine Umgebung

66
00:03:46.000 --> 00:03:48.000
automatisch aus meiner eigenen Sprechsituation.

67
00:03:48.000 --> 00:03:50.000
Jetzt ist ja das besondere an Texten

68
00:03:50.000 --> 00:03:54.000
oder generell an schriftlicher Kommunikation,

69
00:03:54.000 --> 00:03:58.000
dass sie nur ganz selten zu dem Zeitpunkt
und dem Ort gelesen werden,

70
00:03:58.000 --> 00:04:00.000
an dem sie gerade geschrieben werden.

71
00:04:00.000 --> 00:04:04.000
Besonders literarische Texte  sind von der
Äußerungssituation

72
00:04:04.000 --> 00:04:07.000
des Autors oder der Autorin vollkommen entbunden.

73
00:04:07.000 --> 00:04:10.000
Trotzdem nutzen Autor:innen  deiktische Ausdrücke
-

74
00:04:11.000 --> 00:04:13.000
und das sogar relativ häufig.

75
00:04:13.000 --> 00:04:16.000
Der Unterschied zur mündlichen  Unterhaltung
ist,

76
00:04:16.000 --> 00:04:20.000
dass sie das deiktische Zentrum in  die erzählte
Welt verschieben

77
00:04:20.000 --> 00:04:23.000
und damit raus aus der Situation,

78
00:04:23.000 --> 00:04:26.000
in der das Erzählte formuliert wird.

79
00:04:26.000 --> 00:04:27.000
Wir wollen uns jetzt anschauen,

80
00:04:27.000 --> 00:04:31.000
wie deiktische Ausdrücke in  Kafkas Parabel
"Gibs auf!"

81
00:04:31.000 --> 00:04:34.000
genutzt werden und wie uns die Analyse helfen
kann,

82
00:04:34.000 --> 00:04:36.000
die Parabel zu interpretieren.

83
00:04:36.000 --> 00:04:40.000
Auffällig ist die häufige Wiederholung  des
Personalpronomens "ich",

84
00:04:40.000 --> 00:04:43.000
mit dem Kafka direkt zu Beginn  das deiktische
Zentrum

85
00:04:43.000 --> 00:04:46.000
auf die namenlose erzählende  Person festlegt.

86
00:04:46.000 --> 00:04:49.000
Die Leserin oder der Leser kann gar nicht anders,

87
00:04:49.000 --> 00:04:52.000
als direkt die Perspektive dieser Person einzunehmen

88
00:04:52.000 --> 00:04:55.000
und das Erzählte aus diesen Augen zu sehen.

89
00:04:55.000 --> 00:04:59.000
Das Personalpronomen ich wird  in der ersten
Hälfte des Textes

90
00:04:59.000 --> 00:05:02.000
insgesamt sechs mal wiederholt.

91
00:05:02.000 --> 00:05:04.000
Mit jedem Gebrauch wird man beim Lesen

92
00:05:04.000 --> 00:05:06.000
also sprachlich wieder und wieder

93
00:05:06.000 --> 00:05:10.000
an das persönliche Bezugsfeld  der Erzählperson
erinnert.

94
00:05:10.000 --> 00:05:11.000
Dies steigert den Effekt,

95
00:05:11.000 --> 00:05:14.000
dass man an der persönlichen  Erfahrung und
Wahrnehmung

96
00:05:14.000 --> 00:05:17.000
des Erzählers, bzw. der Erzählerin  teilnimmt

97
00:05:17.000 --> 00:05:21.000
und den emotionalen Zustand nachvollziehen
kann.

98
00:05:21.000 --> 00:05:25.000
Gestützt wird das durch das  Possessivpronomen
"meiner"

99
00:05:25.000 --> 00:05:27.000
in „meiner Uhr“,

100
00:05:27.000 --> 00:05:32.000
dem Reflexivpronomen "mich"  in „ich mußte
mich sehr beeilen“

101
00:05:32.000 --> 00:05:37.000
und „ich kannte mich in dieser Stadt  noch
nicht sehr gut aus“.

102
00:05:37.000 --> 00:05:41.000
Konzentrieren wir uns nun auf die  lokalen
deiktischen Ausdrücke des Textes,

103
00:05:41.000 --> 00:05:47.000
dann fällt auf, dass Kafka die Erzählwelt
nur sehr unpräzise beschreibt.

104
00:05:47.000 --> 00:05:50.000
Deiktische Ausdrücke, die sich auf den Raum
beziehen,

105
00:05:50.000 --> 00:05:53.000
also zum Beispiel die Ortsangaben „zum Bahnhof“

106
00:05:53.000 --> 00:05:55.000
oder „in der Nähe“

107
00:05:55.000 --> 00:05:59.000
liefern keine detaillierten  Informationen
über Aussehen,

108
00:05:59.000 --> 00:06:02.000
Entfernung oder konkretem Ort der Handlung.

109
00:06:02.000 --> 00:06:06.000
Hier lässt Kafka uns zusammen  mit der Figur
im Ungewissen,

110
00:06:06.000 --> 00:06:11.000
ungenaue Ortsangaben und Entfernungen  unterstreichen
also die Verunsicherung

111
00:06:11.000 --> 00:06:14.000
und Desorientierung der Erzählfigur.

112
00:06:14.000 --> 00:06:20.000
Schauen wir außerdem auf das  Demonstrativpronomen
"dieser" bei „in dieser Stadt“.

113
00:06:20.000 --> 00:06:24.000
Demonstrativpronomen werden auch  deiktisch
genutzt,

114
00:06:24.000 --> 00:06:27.000
zum Beispiel wenn ich auf etwas zeige.

115
00:06:27.000 --> 00:06:31.000
Dann ist sofort klar, wenn ich auf  den Boden
zeige und sage:

116
00:06:31.000 --> 00:06:36.000
"dieser Ball", dass ich damit einen Ball meine,
der vor mir auf dem Boden liegt.

117
00:06:36.000 --> 00:06:42.000
Bei „in dieser Stadt“ haben wir zwar  eine
Zeigegeste, die vom Erzähler ausgeht.

118
00:06:42.000 --> 00:06:46.000
Der Verweisausdruck läuft aber sozusagen ins
Leere,

119
00:06:46.000 --> 00:06:49.000
weil im Text davor nirgendwo der Name  der
Stadt genannt wird.

120
00:06:49.000 --> 00:06:52.000
Dadurch, dass der Name  der Stadt unbekannt
bleibt,

121
00:06:52.000 --> 00:06:57.000
wird das Bild der Verwirrung und  des „Sich-Fremd-Fühlens“
gestärkt,

122
00:06:57.000 --> 00:07:00.000
das Kafka hier durch seine Figur vermitteln
will.

123
00:07:00.000 --> 00:07:07.000
Im zweiten Teil des kurzen Textes tritt eine
weitere Person in die Origo des Erzählers
oder der Erzählerin:

124
00:07:07.000 --> 00:07:08.000
der Schutzmann.

125
00:07:08.000 --> 00:07:11.000
Das Personalpronomen „er“ taucht zweimal
auf,

126
00:07:11.000 --> 00:07:15.000
zusätzlich einmal im Dativ in „ich lief
zu ihm“

127
00:07:15.000 --> 00:07:20.000
und im Akkusativ bei  „und fragte ihn atemlos
nach dem Weg“.

128
00:07:20.000 --> 00:07:24.000
Einmal erscheint es zudem als  sogenanntes
Reflexivpronomen,

129
00:07:24.000 --> 00:07:27.000
er „wandte sich mit einem großen Schwunge
um“.

130
00:07:27.000 --> 00:07:32.000
Hier zeigt sich ein zweites typisches Merkmal
in literarischer Erzählprosa:

131
00:07:32.000 --> 00:07:35.000
In dem Moment, in dem die Hauptfigur und der
Schutzmann

132
00:07:35.000 --> 00:07:37.000
in eine Unterhaltung einsteigen,

133
00:07:37.000 --> 00:07:40.000
verwendet Kafka die wörtliche Rede

134
00:07:40.000 --> 00:07:45.000
und erzeugt damit eine inszenierte mündliche
Kommunikationssituation.

135
00:07:45.000 --> 00:07:49.000
Die Origo verschiebt sich während  der wörtlichen
Rede automatisch

136
00:07:49.000 --> 00:07:51.000
auf die sprechende Person.

137
00:07:51.000 --> 00:07:54.000
Der erste Redebeitrag des Erzählers oder der
Erzählerin

138
00:07:54.000 --> 00:07:57.000
wird noch nicht wörtlich wiedergegeben:

139
00:07:57.000 --> 00:08:01.000
„ich lief zu ihm und fragte ihn  atemlos
nach dem Weg“.

140
00:08:01.000 --> 00:08:05.000
Es folgt mit „Er lächelte und sagte“
ein sprachlicher Hinweis,

141
00:08:05.000 --> 00:08:09.000
dass nun eine wörtliche Rede  des Schutzmanns
folgt

142
00:08:09.000 --> 00:08:15.000
und mit diesem Hinweis verschiebt sich das
deiktische Zentrum auf das des Schutzmanns.

143
00:08:15.000 --> 00:08:18.000
Nur so kann der Leser oder  die Leserin interpretieren,

144
00:08:18.000 --> 00:08:22.000
dass mit "mir" nun nicht mehr  die erzählende
Person

145
00:08:22.000 --> 00:08:25.000
auf sich selbst Bezug nimmt,  sondern der Schutzmann.

146
00:08:25.000 --> 00:08:31.000
Interessant ist übrigens auch, dass der Schutzmann
den verwirrten Erzähler mit „Du“ anspricht.

147
00:08:31.000 --> 00:08:35.000
Im Deutschen dient die Ansprache fremder  Personen
mit Sie dazu,

148
00:08:35.000 --> 00:08:41.000
dem Gegenüber respektvoll zu begegnen  und
gleichzeitig eine gewisse Distanz zu wahren.

149
00:08:41.000 --> 00:08:44.000
Der Schutzmann verletzt diese Regel  des höflichen
Umgangs

150
00:08:44.000 --> 00:08:49.000
und drückt dadurch seine Gleichgültigkeit
und seine Verachtung gegenüber der Person
aus.

151
00:08:49.000 --> 00:08:53.000
In seinem zweiten Redebeitrag „Gib’s auf,
gib’s auf“

152
00:08:53.000 --> 00:08:56.000
wiederholt er die „Du“-Ansprache indirekt.

153
00:08:56.000 --> 00:09:01.000
Die höflich-distanzierte Variante  wäre:
"Geben Sie es auf."

154
00:09:01.000 --> 00:09:05.000
Die Respektlosigkeit findet im abschätzigen
Abwenden von der Gesprächsperson

155
00:09:05.000 --> 00:09:08.000
sowie dem abschließendem Teilsatz:

156
00:09:08.000 --> 00:09:11.000
"so wie Leute, die mit  ihrem Lachen allein
sein wollen"

157
00:09:11.000 --> 00:09:14.000
am Ende der Parabel seinen Höhepunkt.

158
00:09:14.000 --> 00:09:17.000
Mit der Deixis haben wir hier  ein Konzept
kennengelernt,

159
00:09:17.000 --> 00:09:20.000
das wir auf viele unterschiedliche literarische

160
00:09:20.000 --> 00:09:22.000
und nicht-literarische Text übertragen können.

161
00:09:22.000 --> 00:09:25.000
Eine genaue Analyse lohnt sich häufig,

162
00:09:25.000 --> 00:09:29.000
um gerade literarische Texte in ihrer Funktion

163
00:09:29.000 --> 00:09:32.000
und ihrer Wirkung besser verstehen zu können.

